Start » Ausstellungsarchiv » Klaus Staeck: Nichts ist erledigt
11.08.2007 - 30.09.2007
Eines meiner Fachbücher heißt "Frohe Zukunft". Frohe Zukunft? Der Titel ist entlehnt von einer Wohnungsgenossenschaft der Allianz mit Sitz in Halle an der Saale, unweit meiner Heimatstadt Bitterfeld. "Frohe Zukunft" könnte aber auch in schmiedeeisernen Buchstaben in leicht geschwungenem Bogen über dem Haupteingang zu einer Kleingartenkolonie stehen. Aber so rosig sind die Zeiten nicht.
Die große Koalition im Bund enttäuscht die Erwartungen ihrer harmoniesüchtigen Wähler aus allen Lagern. Die Beteiligungen bei diversen Zwischenwahlen schrumpfen inzwischen unter fünfzig Prozent. Die Gute- Laune- Welle im Gefolge der Fußballweltmeisterschaft verebbt allmählich in den Vorgärten und Hinterhöfen. Die Freizeitpatrioten haben schwarz-rot-gold wieder ausgeflaggt. Das Fernsehen droht im Zuge der Digitalisierung mit der kostenpflichtigen Verschlüsselung aller Sendungen. Die Deutschen werden weniger und streiten sich um die Kosten für Gesundheit, Pflege und Alter. Die Klimaforscher erschrecken mit immer neuen Horrorszenarien. So werden bald die Gletscher der Alpen nur auf alten Fotos zu besichtigen sein. Die Störfälle in Schweden und Deutschland haben die Diskussion um die Sicherheit der Atommeiler neu entfacht. Aber in Lybien kann demnächst mit Atomstrom gefoltert werden. Nur BILD befriedigt das schier grenzenlose Bedürfnis nach Niedertracht wie eh und je, wenn auch bei sinkender Auflage. Die Rechtschreibreform ist irgendwie durch. Die Billigfliegerei boomt. Autorennen erfreuen sich immer noch der meisten Fernsehzuschauer. Der ADAC bleibt der mächtigste Verein in Europa und der Stau das größte Gemeinschaftserlebnis trotz ständig steigender Benzinpreise. Der Namenspatron von Hartz 1 bis 4 hat sich gegen jedwede Unbill versichern lassen und damit sein Schärfchen endgültig ins Trockene gebracht. Die heißen Kriege finden gottlob in anderen Teilen der Welt statt. Der aufwendige G8- Gipfel ist mit mageren Ergebnissen überstanden. Nur die Terroristen sägen an unserem Rechtsstaat.
Und was macht die Kunst?
Die Auktionshäuser melden Rekordergebnisse. Einige Maler arbeiten die Vorbestellungslisten ihrer Kunden ab. Die ostdeutsche Provinz versucht den Nazi- Bildhauer Arno Breker wieder in den allgemein akzeptierten Kunstkontext einzuschleusen. Die große Mehrheit der Künstler werkelt am Existenzminimum herum und wird deshalb schon von Zukunftsforschern als vorbildhafte Avantgarde eines künftigen Arbeitslebens gepriesen. Die Lage ist übersichtlich unübersichtlich. Es ist die Stunde des entschlossenen sowohl als auch. Tradierte Gewissheiten lösen sich auf, bieten kaum noch Sicherheit. Unvereinbare Positionen gelten plötzlich als vereinbar. Die allgemeine Beliebigkeit wird als Toleranz verklärt. Haltungen werden als Starrsinn denunziert. Dennoch oder gerade deshalb suchen immer mehr Menschen nach Orientierung, nach Verbindlichkeiten und Halt.
Die Zweifel an der Demokratie wachsen. Trotzdem herrscht noch weitgehend Ruhe im Land- bis auf ein paar streikende Lokomotivführer und protestierende Studenten. Die Reichen klagen auf hohem Niveau, dabei werden die Armen verhalten klagend ärmer.
Wer im Niemandsland zwischen Kunst und Politik nach Antworten sucht, wird nur mit Mühe fündig. Zumal aus der Kunst nur Angebote kommen können, keine fertigen alltagstauglichen Lösungen. Der Kunstfreund nimmt ohnehin meist übel, wenn sich Politik und Kunst begegnen. Dabei geht es hauptsächlich um eine produktive Reibung, kein vermanschen beider Bereiche. Die Kunst spricht eine andere Sprache, eröffnet einen anderen Blick, gibt sich andere Maßstäbe und wird nach anderen Maßstäben bewertet und gemessen. Sie bleibt der Spürhund der Gesellschaft. Es lohnt, dieser Fährte zu folgen.
Der Begriff Retrospektive signalisiert einen Abschluss. Dem ist jedoch nicht so. Die Rostocker Ausstellung ist Zwischenbilanz mitten in der Arbeit. Viele der ältesten Plakate und Fotos sind aktuell geblieben, gar im Laufe der Zeit aktueller geworden, weil sich die angesprochenen Probleme noch verschärft haben.
Es bleibt dabei - nichts ist erledigt!
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Das Werk des Künstlers Klaus Staeck hat eine außergewöhnliche Präsenz im öffentlichen Bewusstsein. Eine der populärsten Arbeiten stellt eine Banane dar, in die eine Bockwurst gesteckt ist. "Nun wächst zusammen, was zusammen gehört" lautet der Titel des Plakates aus dem Jahr 1990.
Klaus Staeck ist Politkünstler mit aufklärerischer Grundüberzeugung. Als Provokateur, Agitator und Mahner ist er aus dem deutschsprachigen Kulturraum nicht wegzudenken; selbst in der DDR gingen seine Postkarten von Hand zu Hand.
Dass Staeck auch Bildkünstler, Aktionist (arbeitete mit Beuys zusammen), Verleger, Büchermacher und Schriftsteller ist, scheint weniger bekannt.
Klaus Staeck, 1938 geboren, wuchs in der Industriestadt Bitterfeld auf und übersiedelte 1956 nach Heidelberg. Sein Jurastudium sollte ihm später helfen, über 40 Klagen gegen seine satirischen Werke abzuwehren. Seit Ende der 60 er Jahre ist Staeck parteipolitisch aktiv.
Seine künstlerischen Erfahrungen sammelte Staeck als Autodidakt v.a. in Zusammenarbeit mit ausgesprochen politischen Künstlern wie beispielsweise Wolf Vostell. Unterstützung erhielt Staeck auch von Schriftstellern wie Günter Grass, Heinrich Böll und Walter Jens. Klaus Staeck ist seit 2006 Präsident der Akademie der Künste in Berlin. Er lehrte außerdem an verschiedenen Hochschulen und hatte zahlreiche Personalausstellungen; u.a. nahm Staeck mehrmals an der Documenta in Kassel teil.
Die Ausstellung in der Kunsthalle Rostock hat retrospektiven Charakter. Sie zeigt Werke von den künstlerischen Anfängen bis in die Gegenwart und dokumentiert damit in umfassender Weise das "Gesamtkunstwerk" Klaus Staeck. Zu sehen sind Druckgrafik, Objekte, Collagen, Fotografien, Plakate und Postkarten.
Klaus Staeck war in früheren Jahrzehnten bereits mit zwei kleineren Ausstellungen in Rostock.
Kunsthalle Rostock
Hamburger Str. 40
D-18069 Rostock
0381 381-7000
0381 8016288
0381 381-7008
Di. - So. 10 - 18 Uhr
Montag geschlossen
Spätöffnung: donnerstags bis 20.00 Uhr
Eintritt frei (außer Sonderaustellungen)
Öffentliche Führungen (ab 5 Personen)
Erwachsene 3,00 EUR
Kinder frei
nach Voranmeldung (max. 25 Personen)
Entgelt: 30,00 EUR
(museumspädagogische Angebote)
nach Voranmeldung
Mo. 13-14 Uhr, Do. 15-16 Uhr
Tel. 0381 381-7002
siehe Entgeltordnung der Städtischen Museen der Hansestadt Rostock
Details (PDF/72kB)